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100 Jahre Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung
Die Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung (GfbG) feierte am 03. und 04. Oktober 2009 ihren 100. Geburtstag. Zu der Feier in Heidelberg waren etwa 80 Experten aus Burschenschaften und anderen Korporationen sowie interessierte Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erschienen. Nachdem sich die Mitgliederversammlung 2008 für Heidelberg als Veranstaltungsort entschieden hatte, bereitete der Vorstand die Veranstaltung mit viel Sorgfalt vor. Es galt, eine entsprechende Einladung zu entwerfen, passende Tagungsräume zu finden und hochkarätige Referenten zu gewinnen. Schnell waren wir uns einig, daß verbandsübergreifend gedacht und gehandelt werden mußte: Die GfbG will für alle Burschenschafter und studentenhistorisch Interessierte offen sein. Ebenso waren wir uns darin einig, die beiden geplanten Veranstaltungen - wissenschaftliches Kolloquium und akademischer Festakt - auf den Häusern der beiden ältesten Heidelberger Burschenschaften, Allemannia und Frankonia, durchzuführen. Für die bereitwillige und stets hilfsbereite Unterstützung bei den Vorbereitungen gilt unser besonderer Dank Herrn Dr. Gerhard Berger (Frankonia Heidelberg) und Herrn Dr. Wolf-Diedrich Reinbach (Allemannia Heidelberg) sowie deren beteiligten Bundesbrüdern, Alten Herren und Aktiven gleichermaßen. Trotz unterschiedlicher Verbandszugehörigkeit war die Zusammenarbeit stets von dem Willen geprägt, eine besondere, einmalige Veranstaltung zu organisieren. Da die burschenschaftliche Geschichte nicht teilbar ist, haben wir uns darüber gefreut, daß nicht nur Allemannen und Franken, sondern auch ein Normanne und ein Vinete bei uns waren. Begonnen wurden die Festtage mit einem zwanglosen Beisammensein am Freitag, dem 02. Oktober, abends im "Güldenen Schaf".
Am Samstagmorgen trafen sich die Teilnehmer auf dem Haus der Burschenschaft Frankonia zu einem Kolloquium über "200 Jahre burschenschaftliche Geschichtsforschung". Der Vorsitzende der Altherrenschaft, Dr. Gerhard Berger, hieß die Gäste mit einer Einführung in die Geschichte des Frankenhauses herzlich willkommen. Eröffnet wurde der Vortragsreigen von Dr. Harald Lönnecker (Normannia-Leipzig zu Marburg, Germania Kassel, Normannia Leipzig) mit dem Thema "Von der Urburschenschaft bis zum Ende des Deutschen Bundes (1815-1866) - Eine historiographische Würdigung der zeitgenössischen Arbeiten". Ihm folgte Dr. Stefan Gerber (KDStV Salana Jenensis) mit "Die Korporationsgeschichtsschreibung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts (1867-1918)". Der Vortrag "Die Darstellung der Jenaer Urburschenschaft in der deutschen Geschichtswissenschaft von 1949 bis 1989/90" von Prof. Dr. Peter Kaupp (Arminia a. d. B. Jena) beschloß den Vormittag. Beim gemeinsamen Mittagessen - unser Dank gilt dem Faxenehepaar Sachse der Burschenschaft Frankonia - wurden nicht nur die hervorragenden Vorträge in kleineren Gesprächskreisen diskutiert.
Die Reihe der Nachmittagsvorträge eröffnete Dr. Helma Brunck, die über "Die Burschenschaft in der Weimarer Republik und in der NS-Diktatur (1919-1945) - Eine historiographische Bilanz" referierte. Besonders gespannt waren die meisten Teilnehmer auf den Vortrag "150 Jahre Deutsche Burschenschaft in Österreich - Der Beitrag der Forschung in Österreich" von Prof. Dr. Günter Cerwinka (Allemannia Graz). Da viele Zuhörer aus der Bundesrepublik Deutschland über dieses Thema wohl weniger unterrichtet waren, wurden die sehr interessanten Ausführungen vor allem von anderen Teilnehmern aus Österreich kommentiert. Den Abschluß des ersten Tages bildete der Vortrag "Perspektiven burschenschaftlicher Geschichtsschreibung - Erforderliches - Wünschbares - Machbares" von Dr. Harald Lönnecker, der sich besonders mit der Geschichtsschreibung zur Mensur auseinandersetzte. Am Ende des Tages konnten wir auf ein äußerst erfolgreiches Kolloquium mit sechs gelungenen Vorträgen zurückblicken. Mit viel neuem und interessantem Wissen begaben sich die Teilnehmer zu den unterschiedlichen Abendaktivitäten, zu denen auch die Festkneipe auf dem Haus der neuen DB-Vorsitzenden
Normannia Heidelberg gehörte.
Am folgenden Sonntagmorgen traf man sich auf dem Haus der Burschenschaft Allemannia, deren Sprecher Justus Rickers, ein Student der Geschichte, die Gäste herzlich willkommen hieß. Im festlich geschmückten Saal konnte der Vorsitzende der GfbG, Dr. Klaus Oldenhage (Norddeutsche und Niedersachsen Bonn, Germania Trier), zum akademischen Festakt wieder etwa 80 Teilnehmer begrüßen. Eine besondere Freude und Ehre für die Veranstaltung war das schriftliche Grußwort Seiner Magnifizenz, des Rektors der Ruperto-Carola, an die Festversammlung. Prof. Dr. Bernhard Eitel, Mitglied der KDStV Normannia Karlsruhe im CV, würdigte darin auch die Grundlagen des Denkens und Handelns von Burschenschaften und anderen Farben tragenden Verbindungen. Das erste Grußwort sprach als Vertreter des Heidelberger Oberbürgermeisters Dr Eckhart Würzner (KSCV) Stadtrat Ernst Gund (UV), der in launigen Worten die Rolle der Kurpfälzer bei der Entstehung des Landes Baden-Württemberg schilderte. Der Präsident des Bundesarchivs, Prof. Dr. Hartmut Weber, unterstrich den Nutzen der Zusammenarbeit der GfbG (Archiv und Bücherei) mit dem Bundesarchiv in Koblenz. Der Vorsitzende des Arbeitskreises der Studentenhistoriker, Rechtsanwalt und Notar Klaus Gerstein (Corps Rheno-Guestphalia Münster, Rhenania Tübingen im KSCV), und - für die Schweizerische Vereinigung für Studentengeschichte - Dr. Paul Ehinger (Zofingia Zürich) lobten die interkorporative Zusammenarbeit bei der Geschichtsforschung. Allen, die ein Grußwort an die Festversammlung gerichtet hatten, dankte der Vorstand der GfbG mit einem Buchgeschenk, der Arbeit Frank Grobes (Teutonia Aachen) "Zirkel und Zahnrad. Ingenieure im bürgerlichen Emanzipationskampf um 1900 - Die Geschichte der technischen Burschenschaft", die soeben erschienen ist.
Den Höhepunkt des akademischen Festaktes stellte der Festvortrag von Prof. Dr. Wolfgang Klötzer (Universität Frankfurt am Main) dar, der bereits vor 50 Jahren den Festvortrag bei der 50-Jahrfeier der GfbG gehalten hatte. Mit eindrucksvollen Worten würdigte Prof. Dr. Klötzer die Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung und deren Platz in der deutschen Historiographie. Trotz seines hohen Alters ließ er es sich nicht nehmen, seinen Vortrag am Rednerpult stehend vorzutragen. Die Festversammlung dankte ihm mit minutenlangem Beifall - man könnte auch Ovationen sagen - für die bedeutende Rede. Als Dank für seinen Festvortrag überreichte ihm der Vorsitzende der GfbG neben einem Weinpräsent das zweite vorab gebundene Exemplar der in Kürze erscheinenden Festschrift zur 100-Jahrfeier aus der Feder von Dr. Harald Lönnecker, der am Vortag das erste Exemplar seines Werkes in Empfang genommen hatte. Mit einem Sektempfang auf der Terrasse des Allemannenhauses unmittelbar unterhalb des Heidelberger Schlosses klangen die beiden Festtage harmonisch und zufrieden aus.
Nicht unerwähnt bleiben soll, daß sich der Vorstand der GfbG bei Frau Renate Jonas für deren jahrzehntelange Unterstützung der Schatzmeister der GfbG, Dr. Walter Arendt (Alt-Germania Hannover, Germania Saarbrücken) und Dipl.-Ing. Wolfgang Eymann (Alania Aachen, Rugia Greifswald) mit einem Blumenstrauß bedankte. Der Schatzmeister Wolfgang Eymann wurde mit der Verleihung der Herman-Haupt-Plakette für seine über 30jährige erfolgreiche Arbeit für die Gesellschaft geehrt. Als einen erfreulichen Nebeneffekt der Veranstaltungen können wir uns über den Beitritt von sechs neuen Mitgliedern freuen, auch deshalb, weil darunter eine Doktorandin und ein Student sind. Die Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung kann nämlich nur fortbestehen, wenn in zunehmendem Maße auch Studenten und junge Alte Herren ihren Beitritt erklären. Alle Vorträge beim Kolloquium sowie die Grußworte und der Festvortrag beim akademischen Festakt werden in der Jahresgabe 2009 veröffentlicht werden.
Mir bleibt nur noch, auch unserem Vorsitzenden, Dr. Klaus Oldenhage, für seinen unermüdlichen Einsatz und sein großes Engagement bei der Vorbereitung und der Durchführung dieses Jubiläums ganz herzlich zu danken. Am Sonntagnachmittag, am Montag und am Dienstag (04. bis 06. Oktober) tagte auf den Häusern Allemannias und Frankonias der Ausschuß zur abschließenden Lesung der Ergänzungen zu Band I Politiker des von Helge Dvorak (Olympia Wien) erarbeiteten Biographischen Lexikons der Deutschen Burschenschaft. Außer dem Bearbeiter nahmen daran teil: Prof. Dr. Günter Cerwinka (Allemannia Graz), Prof. Dr. Peter Kaupp (Arminia a. d. B. Jena), Prof. Dr. Dr. Klaus Malettke (Rheinfranken Marburg), Dr. Klaus Oldenhage (Norddeutsche und Niedersachsen Bonn, Germania Trier) und der Verfasser dieses Berichts.
Hans-Jürgen Schlicher (Alemannia München 1971, Germania Trier 1989)
veröffentlicht in Burschenschaftliche Blätter 4/2009